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Salvatore Scibona, Das Ende
Aufwühlend, packend und überwältigend: Salvatore Scibonas Das Ende ist ein literarisches Ereignis: Nachdem der Roman in den USA erschien, wurde der Autor mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, für den National Book Award nominiert und vom New Yorker zu einem der 20 wichtigsten Autoren seiner Generation gekürt. Am 15. August 1953 findet in Elephant Park, dem italienischen Viertel von Cleveland, Ohio, anlässlich des römisch-katholischen Hochfestes Mariä Himmelfahrt eine Prozession statt; ein Ereignis, bei dem sich verschiedene Schicksalsfäden kreuzen: die Fäden von Rocco LaGrassa, dem Bäcker von Elephant Park, der erfährt, dass sein Sohn in einem Kriegsgefangenenlager in Korea gestorben ist; von Mrs. Marini, der Engelmacherin, von ihrer Vertrauten Lisa Mazzone und derem 15-jährigen Sohn Ciccio - und von dem unheimlichen Juwelier, der sich selbst nur »der Waldläufer« nennt und ein schreckliches Geheimnis mit sich trägt. Salvatore Scibona verdichtet die Geschichten dieser höchst unterschiedlichen Menschen zum literarischen Porträt einer Zeitenwende – und stellt sich mit diesem Roman in die Tradition der europäischen Avantgarde, die mit Namen wie James Joyce, Samuel Beckett und Virginia Woolf verknüpft ist. Salvatore Scibona, Das Ende, Arch Literatur Verlag (www.arche-verlag.com), 352 Seiten mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-7160-2640-3, 22,95 Euro.
David Monteagudo, Ende
Ein Mystery Erlebnis mit nachhaltiger Wirkung – der Überraschungsbestseller aus Spanien. Unheimlich spannend und gut geschrieben. Neun Freundinnen und Freunde verbringen ein Wochenende in den Bergen. Doch einer nach dem anderen verschwindet. Was geschieht mit ihnen? Dieser Roman gräbt sich dem Leser in einem unausweichlichen Sog tief ins Gedächtnis. „Fin“ ist ein außergewöhnlicher Roman. David Monteagudo, Ende, Rowohlt Hardcover (www.rowohlt.de), 352 Seiten, ISBN 978-3-498-04520-3, 19,95 Euro.
Umberto Eco, Der Friedhof in Prag
Verschwörungstheorien à la Eco – grandios, ironisch, raffiniert, irrwitzig, stilistisch glänzend! Der Italiener Simon Simonini lebt in Paris, und er erlebt aus nächster Nähe eine dunkle Geschichte: geheime Militärpapiere, die der jüdische Hauptmann Dreyfus angeblich an die deutsche Botschaft verkauft, piemontesische, französische und preußische Geheimdienste, die noch geheimere Pläne schmieden, Freimaurer, Jesuiten und Revolutionäre - und am Ende tauchen zum ersten Mal die Protokolle der Weisen von Zion auf, ein gefälschtes „Dokument“ für die „jüdische Weltverschwörung“, das dann fatale Folgen haben wird. Umberto Eco, der Meister des historischen Romans, erzählt die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, in der wir jedoch unser eigenes wiedererkennen können. Umberto Eco, Der Friedhof in Prag, Hanser Verlag (www.hanser-literaturverlage.de), fester Einband, 528 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen und Lesebändchen, ISBN 978-3-446-23736-0, 26 Euro.
Ein Jahrhundertgenie gewinnt an Kontur - Die erste Werkausgabe von Daniil Charms
Er war ein Jahrhundertgenie, aber man wusste es nicht. Wie auch? Bevor er 1942 in einem stalinistischen Gefängnis verhungerte, konnte er von seinem umfangreichen Werk kaum etwas veröffentlichen. Wie durch ein Wunder waren bei der Hausdurchsuchung nach seiner Verhaftung zwar nur 5 seiner über 40 Notizhefte beschlagnahmt worden, aber bis in die sechziger Jahre blieb die Publikation seiner Texte in Russland verboten. Und erst in den Siebzigern begann in Deutschland die Entdeckung eines Autors, von dem Ingo Schulze zu Recht sagt: „Das Exemplarische seiner Dichtung für das zwanzigste Jahrhundert ist evident. Einen vergleichbaren Rang besitzt unter Charms’ westeuropäischen Generationsgenossen allenfalls Beckett.“ Nur liegt die erste vierbändige deutsche Werkausgabe von Daniil Charms vom Verlag Galiani Berlin (www.galiani.de) vor - und erstmals wird die Dimension des Werkes dieses großen Autors in seiner Vielfalt und er selbst in seiner Tiefe sichtbar.
Miguel Syjucos, Die Erleuchteten
Ein umwerfendes Leseabenteuer, da muss man dran - und drinbleiben, weil man gar nicht anders kann (dazwischen Luftholen nicht vergessen!). Die Leiche des philippinischen Exilschriftstellers Crispin Salvador wird eines Tages aus dem New Yorker Hudson River gefischt. War es Mord oder Selbstmord? Dieser Vorfall und die Suche nach einem verschwundenen Manuskript setzen eine atemberaubende Spurenjagd in Gang. Crispin Salvador ist tot. Das Manuskript des großen Enthüllungsromans, in dem er die historischen Verbrechen der herrschenden philippinischen Familien schildern wollte, ist verschwunden. Miguel, Salvadors strebsamer Schüler und der einzig verbliebene Freund, macht sich daran, das Leben seines Mentors aus dessen Romanen, Interviews und Artikeln zu rekonstruieren. Fragmente werden zu Mustern und Geschichten, das Ganze wächst sich zu einem wahren Epos aus. Als Miguel zu Recherchezwecken in sein Heimatland zurückkehrt, wird ihm deutlich, dass er auch auf den Spuren seiner eigenen Geschichte wandelt. »Die Erleuchteten« erzählt fantasievoll und mit literarischem Witz von einer aus den Fugen geratenen postkolonialen Welt. Miguel Syjucos, Die Erleuchteten, Klett-Cotta (www.klett-cotta.de), 446 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-608-93891-3, 22,95 Euro.
Anthony McCarten, Liebe am Ende der Welt
Es gibt Bücher, die fesseln und berühren vom ersten Moment an. Dies ist eins. Drei unschuldige Mädchen, die plötzlich schwanger sind. Von Außerirdischen, versichern sie. Ein spannender Roman über Wunder, Täuschungen und die Geschichten, die wir erfinden, um uns vor der Wahrheit zu schützen. Und eine phantastische Liebesgeschichte. Ein verlottertes Provinzstädtchen am Ende der Welt. Kurz vor Heiligabend behauptet die 16-jährige Delia, einen Außerirdischen gesehen zu haben – und wird von allen ausgelacht. Keiner glaubt ihr. Das ändert sich, als in einem Kornkreis eine platt gewalzte Kuh entdeckt wird ... und als das schöne Mädchen merkt, dass es schwanger ist, obwohl es mit keinem der jungen Männer im Ort intimen Kontakt hatte. Als Delias besten Freundinnen Lucinda und Yvonne dasselbe widerfährt, kann selbst der Pfarrer dieses Wunder nicht erklären. Fasziniert von dem unerhörten Ereignis und noch mehr von den drei eigenwilligen Mädchen, versuchen drei Männer, jeder auf seine Art, das Geheimnis zu ergründen: der Pfarrer, der Skandaljournalist Vic aus Wellington, dem nur noch ein Knüller die Karriere retten kann, und der gut aussehende neue Bibliothekar Phillip, ein stiller, aber zorniger Intellektueller, dessen Liebe bisher ausschließlich den Büchern galt. Eine Geschichte mit einem tragischen Kern, erzählt wie ein Krimi, dessen eigenwillige Helden dank beherzter Eigeninitiative über ihre Grenzen hinauswachsen. Ein wunderbarer Nachfolger für Anthony McCartens Bestseller ›Englischer Harem‹. Anthony McCarten, Liebe am Ende der Welt, Diogenes Verlag (www.diogenes.ch), Hardcover Leinen, 368 Seiten, ISBN 978-3-257-06764-4, 22,90 Euro.
Das Opus Magnum des großen Erneuerers der isländischen Literatur Thor Vilhjálmsson, Morgengebet
In der Tradition der isländischen Sagaliteratur entwirft Vilhjálmsson einen abenteuerlichen Roman - ein wenig im Stil von Ecos "Name der Rose". Mit seiner poetischen, kraftvollen Sprache zeichnet er ein Zeitpanorama des europäischen Mittelalters – an historische Tatsachen gelehnt und doch modern. Eine Pilgerfahrt nach Rom und eine vergebliche Suche nach Vergebung von Schuld, vor der Kulisse eines schroffen, kalten Landes aus Bergen, Feuer und Eis. Island ist im 13. Jahrhundert politisch im Umbruch, in Europa bestimmen Endzeitvisionen das Denken. Mit seiner poetischen, kraftvollen Sprache und in eindrücklichen Bildern gelingt ihm ein grandioses Panorama des europäischen Mittelalters ganz im Stile von Umberto Ecos »Der Name der Rose«. Sturla Sighvatsson, der von 1199 bis 1238 lebte, ist ein Mitglied der mächtigen Familie der Sturlungen. Sturla verstrickt sich in Schuld, auch gegenüber dem Bischof. Am Ende reuen ihn seine Taten und er verlässt Island und die ihn liebende Solveig, um in einer Pilgerfahrt nach Rom vom Papst Vergebung seiner Sünden zu erlangen. Seine abenteuerliche Fahrt wird eine Reise zu sich selbst, an deren Ziel der Autor den ehrgeizigen Sturla dennoch scheitern lässt. Denn »ich glaube, wir müssen uns der Dichtung zuwenden, wenn wir dem Unglück entrinnen wollen« (Vilhjálmsson in einem letzten Interview im Februar 2011). Island ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Mehr Informationen zum Autor gibt es daher unter „Sagenhaftes Island“: www.sagenhaftes-island.is/de/islandische-literatur/autoren/nr/177. Thor Vilhjálmsson, Morgengebet, Osburg Verlag Berlin (www.osburg-verlag.de), Roman, 336 Seiten, ISBN: 978-3-940731-65-4, 19,95 Euro.
Joris Karl Huysmans, Die Kathedrale
Magisch, lässt einen nicht mehr los. Mit Au rebours (Gegen den Strich) schuf Joris Karl Huysmans die Bibel der Dekadenten. Die Hauptfigur Jean Des Esseintes, Parteigänger des Künstlichen, verkörpert diesen Typus in seltener Konsequenz. Er treibt seine ästhetizistischen Neigungen bis ins Äußerste. Auch Durtal, Held des satanistischen Romans La-Bas (Tief unten), aber auch Held der Trilogie des Glaubens: En route (Unterwegs), La Cathedrale und L'oblat, flieht vor der Wirklichkeit der alltäglichen Welt - in die Kunst, die Geschichte und schließlich in die Welt der Gläubigen, nach Chartres. Diesem «Gedicht in Stein» sucht er sein Geheimnis abzuringen und erschließt sich und dem Leser dabei die Welt des Mittelalters, den Geist einer Epoche. In diesem Sinn ist Die Kathedrale ein Buch der Sammlung, der Höhepunkt der spirituellen Autobiographie eines modernen Mystikers. Kunsthistorisches Kompendium, gelehrtes Werk und Roman eines Suchenden in einem, ist es Dokument eines Kampfes um Seelenruhe in einer heillosen Welt. Es ist eine Kathedrale aus Worten. Joris Karl Huysmans, Die Kathedrale, P. Kirchheim Verlag (www.kirchheimverlag.de), Klappenbroschur mit Fadenheftung, 431 Seiten, ISBN 978-3-87410-033-5, 24,95 Euro.
Leonhard Fuest, Die schwarzen Fahnen von Paris
Kurzweilig und inspirierend – eine Reise, die bis ins Innere geht. Leonhard Fuest geht auf eigenen Spuren: Er folgt Dichtern und Denkern der Stadt vergnügt ins Labyrinth ihrer Gedankengänge. So wird ein anderes Paris kenntlich, das Paris der Schlenderer und Melancholiker – dafür sorgen u. a. der verstörte Flaneur Charles Baudelaire genauso wie der schlaflose Aphoristiker E. M. Cioran, der melancholische Intellektuelle Roland Barthes oder der deprimierte Zyniker Michel Houellebecq. Sie und andere tauchen Paris in das Licht der »schwarzen Sonnen« ihrer Nachdenklichkeit. Leonhard Fuest, Die schwarzen Fahnen von Paris, corso Verlag (www.corso-willkommen.de), Hardcover mit Schutzumschlag und Fadenheftung, 12 Seiten, Abbildungen, ISBN 978-3-86260-003-8, 19,90 Euro.
Alfons Schweiggert, Waar i a Charivari
Wo Alfons Schweiggert drauf steht, ist Qualität drin – immer wieder gut! So wie der berühmte bayerische Trachtenschmuck-Charivari, sprich Scharivari, aus vielen Schmuckstücken besteht, die aneinander auf eine Kette gehängt vor dem Bauch getragen werden, so bieten die hier zusammengestellten Geschichten, Gedichte und Fundstücke des bekannten bayerischen Schriftstellers und Turmschreibers Alfons Schweiggert einen reizvollen Einblick in bayerischen Humor. Alfons Schweiggert, Waar i a Charivari, SüdOst Verlag (www.südost-verlag.de), 160 Seiten mit Illustrationen, Hardcover, ISBN 978-3-89682-196-6, 12,90 Euro.
Tony O’Neil, Sick City
Der Wahnsinn in Prosa: unterhaltsam, abgefahren, spannend, unerwartet, irr. Gut! Als Jeffreys "Sugar Daddy" beim gemeinsamen Liebesspiel das Zeitige segnet, weiß Jeffrey zunächst nicht wohin. Aber er ahnt, dass ein Neustart nur gelingen kann, wenn er endlich clean wird. Also weist er sich selbst in das Therapiezentrum des Fernseh-Therapeuten Dr. Mike ein, aber schon bald merkt er, dass der Promi-Doktor ihm keine Hilfe sein wird. Immerhin lernt er Randal kennen, unverbesserlicher Drogenfreak und Spross einer der einflussreichsten Familien Hollywoods. Er wird ihm helfen, den größten Schatz aus Bills Nachlass an den Mann zu bringen, ein Video-Tape, das einige der wichtigsten Schauspiel-Stars Hollywoods bei einer wüsten Sexorgie zeigt. Tony O’Neil, Sick City, Übersetzer: Stephan Pörtner, Walde & Graf Verlag (www.waldegraf.ch), 328 Seiten mit Illustrationen, Illustrator: Michel Casarramona, Gebunden, ISBN 978-3-03774-023-1, 24,95 Euro.
Peter Henisch, Morrisons Versteck
Am 3. Juli ist der 40. Todestag von Jim Morrison – passend dazu dieser hinreißende und leichtfüßige Roman! Jim Morrison, legendärer Sänger der Rockgruppe „The Doors“, ist am 3. Juli 1971 in einer Pariser Badewanne gestorben. Herzversagen mit 27. Doch es gibt auch andere Stimmen, die den Mythos um den „Lizard-King“ beschwören: Jim is alive ... Davon ist jedenfalls die Fotografin Petra überzeugt: An der Mauer eines geheimnisvollen Gartens ist ihr ein Exhibitionist begegnet, in dem sie J. M. wiederzuerkennen meint. Nur so viel, schreibt sie in ihrem Brief an den Journalisten Paul, ich bin einer Weltsensation auf der Spur. Dazu notiert Paul sarkastisch: Das hatte ich befürchtet. Mit einem Augenzwinkern verbindet Peter Henisch die Mythen, die sich um Morrisons Leben ranken, mit realen Elementen und baut daraus eine kühne Rockbiographie – ein Muss für alle Doors-Fans und jene, die es noch werden wollen, zum 40. Todestag einer Ikone der Popkultur. Peter Henisch, Morrisons Versteck, Haymon Verlag (www.haymonverlag.at), Paperback, 304 Seiten, ISBN 978-3-85218-884-3, 9,95 Euro.
Thomas Sautner, Fremdes Land
Von Dominik Schönleben Das Buch erinnert sofort an den alten Ausspruch von Benjamin Franklin: „Wer seine Freiheit für Sicherheit aufgibt, verdient keines von beidem.“ Thomas Sautner entführt uns in eine Utopie der Demokratie, in der wir alle unsere eigene Unmündigkeit herauf beschworen haben. Im Buch geht es um eine Demokratie, die nicht nur die Handlungsfreiheit der Menschen zu ihrer eigenen Sicherheit einschränkt, sondern auch ihre eigene politische Macht. Wir haben aufgehört, selbst zu denken und zu handeln, viel lieber überlassen wir das Denken den großen Konzernen, wir sind abgestumpft und gefühlskalt geworden. Selbst Filme oder der Tod von Verwandten können uns nur durch den Konsum von Drogen zu Gefühlsregungen bringen. Doch es gibt einen letzten Widerstand gegen die allgemeine Bevormundung, die „Linken Brigaden“, ist diese Bewegung die letzte Möglichkeit der Menschen auf Freiheit oder ist die Freiheit bereits verloren? In diesem Buch beschwört Thomas Sautner die Stimmung von Klassikern wie Georg Orwells „1984“ herauf, ein vollkommener Überwachungsstaat der Zukunft, und das alles zu unserer eigenen Sicherheit. Heraufbeschworen von uns selbst, durch den von der Regierung indoktrinierten Wunsch, Freiheit gegen Sicherheit zu tauschen. Diesmal werden wir nicht vom alles sehenden „Big Brother“ unterdrückt, sondern „Caring Mum“ will nur verhindern, dass wir uns selbst Schaden zufügen. Wem „1984“ unrealistisch und nicht der Zeit gerecht erscheint, wird in „Fremdes Land“ eine moderne Form des Klassikers finden, welche die Missstände und besorgniserregenden Entwicklungen unserer Zeit weiter ausmalt. Zu einer Utopie, die es leicht macht, in Anbetracht dieser unserer Gegenwart, daran zu glauben. Jack Blind glaubt, die Welt verändern zu können. Als Stabschef einer neuen Regierung wähnt er sich an den Hebeln der Macht. Tatsächlich aber wird er unbemerkt zur Spielfigur in einem System, in dem der Einzelne nur noch als Konsument zählt. Freiheit, Anstand und Selbstbestimmung sind bloß noch Schlagworte. Seine Schwester versucht, Jack die Augen zu öffnen. Doch er hält an der herrschenden Politik fest - bis er gezwungen ist, eine neue Wahrheit zuzulassen. Thomas Sautner, Fremdes Land, aufbau Verlag (www.aufbau-verlag.de), gebunden, 256 Seiten, ISBN 978-3-351-03324-8, 19,95 Euro.
Ian McEwan, Solar
Gelesen von Dominik Schönleben "Solar“ von Ian McEwan, ist ein Buch, dem scheinbar der Handlungsfaden fehlt. Jedes Mal, wenn man glaubt, endlich die zentrale Handlung des Buches entdeckt zu haben, zerstreut sich diese nach mehreren Seiten wieder. Doch genau dies lässt Solaris so besonders real erscheinen – keine künstlichen Höhepunkte oder sich von Beginn unausweichlich zuspitzenden Ereignisketten. Genau diese präzise Wiedergabe der Wirklichkeit lässt einen ohne jegliches Entkommen in der Welt von "Solar" versinken. Erst langsam, wenn man bereits durch die Erzählweise von McEwan gefesselt wurde, entdeckt man, dass alle Erlebnisse von Michael Beard zu einem Ziel hinstreben, denn die Geschichte von "Solar" ist weitaus vielschichtiger als man zuerst angenommen hat. Eine Welt voller glaubwürdiger Charaktere – jeder mit einer eigenen Motivation, und ein Protagonist, der nicht immer alles über sich selbst preisgibt, lassen den Leser Platz für eigene Mutmaßungen und Interpretationen. Der Autor gibt keine dogmatischen Weisheiten an uns weiter, sondern lässt uns stellvertretend durch den Hauptakteur Michael Beard erst im Verlauf der Handlung erkennen, dass Handlungsbedarf gegen die globale Erwärmung gegeben ist. Wenn in Ian McEwans Roman selbst der Zweifler und Ignorant Michael Beared überzeugt werden kann, können wir uns dann dieser Erkenntnis erwehren? Was aber wenn Michael Beards Motivationen in Wahrheit gar nicht so uneigennützig sind, welchen Wert haben dann seine Bemühungen? Michael Beard ist Physiker – und Frauenheld. Er hat den Nobelpreis erhalten, doch ist er alles andere als nobel: Im Beruf ruht er sich auf seinen Lorbeeren aus, privat hält es ihn auf Dauer bei keiner Frau. Bis die geniale Idee eines Rivalen für Zündstoff in seinem Leben sorgt. In ›Solar‹ geht es nicht nur um Sonnen-, sondern auch um kriminelle Energie. Er gehörte zu jener Sorte Männer – nicht wirklich attraktiv, meist kahl, klein, dick und klug –, die auf gewisse schöne Frauen erstaunlich anziehend wirkt. Zugute kam ihm dabei auch, dass manche Frauen ihn für ein Genie hielten, das man retten musste. Im Moment allerdings war Michael Beard nicht in bester Verfassung, lustlos, verzweifelt, nur auf eins fixiert, denn gerade ging seine fünfte Ehe in die Brüche. Michael Beard, 53, ist Nobelpreisträger der Physik. Doch seine besten Zeiten hat er hinter sich. Er lebt von seiner Reputation, gibt seinen Namen für Briefköpfe her, käut seine prämierte Idee in Vorträgen wieder und ergattert Fördergelder für ein politisches Prestigeprojekt: das Institut für Erneuerbare Energien. Wirklich neue Energie aber steckt er nur in den privaten Bereich: Während seiner fünften Ehe hat er es zu elf Affären gebracht. Nun aber rächt sich seine Frau und nimmt sich einen Liebhaber. Genau in dem Moment, als alles ins Wanken gerät, bietet sich ihm die Gelegenheit zu einem Coup. ›Solar‹ führt den Leser von London in die Arktis und bis nach New Mexico. Ian McEwans Roman ist eine ebenso gnadenlose wie vielschichtige Abrechnung mit der Politik, dem Wissenschaftsbetrieb – und einer Sorte Mann. Ein Buch, das den Faktor Mensch auf literarisch neue Art und Weise in die Klimarechnung einführt. Ian McEwan, Solar, Diogenes (www.diogenes.ch), 416 Seiten, Hardcover Leinen, ISBN 978-3-257-06765-1, 21,90 Euro.
Grit Kalies, Lamort
Gelesen von Peter Pollak Wenn man sich eingelesen hat, mag man das Werk nicht mehr aus der Hand legen – und gewinnt tiefe Erkenntnisse über das Leben und die Literatur bzw. den Literaturbetrieb. Der Hugenotte und Physiker Lamort nimmt sich sehr wichtig. Zu wichtig, findet sein Nachbar, Kritiker und Ich-Erzähler, der sich seit Jahren von ihm vereinnahmt und in seiner Ruhe gestört sieht. Als Lamort auch noch mit dem Anliegen an ihn herantritt, er solle seine Biografie für ihn schreiben, ist das Maß des Erträglichen übervoll. Doch der Ich-Erzähler sieht es sportlich. Er nimmt die erneute Herausforderung an, bietet sie ihm doch die Gelegenheit, sich als Autor zu beweisen und nicht zuletzt ein für alle Mal mit dem blutleeren Pedanten und Nervtöter Lamort abzurechnen. »Lamort« ist ein verschlagenes Vexierspiel von Fiktion und Autofiktion, Fakten und Pseudofakten, Urheber- und Autorschaft. Erzählt wird die Geschichte von zwei Männern, die antreten, ihre ungleichen Erlebniswelten zu etwas Großem zu vereinen – ein Versuch, den einer von beiden mit dem Leben bezahlt. Grit Kalies, Lamort, Mitteldeutscher Verlag (www.mitteldeutscherverlag.de), 224 Seiten, Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-89812-697-7, 20 Euro.
Max Roqueta, All der Sand am Meer
Gelesen von Peter Pollak Eintauchen in eine faszinierende Welt und am liebsten gar nicht mehr auftauchen müssen – macht süchtig. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Sibylle von Cumae, eine Seherin im Dienst des Gottes Apollon, der ihr Geliebter wird und ihr das Geschenk der Unsterblichkeit macht: So viele Jahre soll ihr Leben dauern, wie es Sandkörner am Meeresstrande gibt. Als aus der schönen Sibylle eine steinalte Zwergin geworden ist, gewährt ihr der Gott seine letzte Gunst – einen steten Identitätswandel durch die Reiche der Natur. Max Roqueta nutzt seine bunte und vielfältige Romanhandlung, um alle sprachlichen Register vom Realismus bis zum Prosapoem zu ziehen. Max Roqueta, All der Sand am Meer, Mitteldeutscher Verlag (www.mitteldeutscherverlag.de), 328 Seiten, Gebundenes Buch, ISBN 978-3-89812-701-1, 24 Euro.
Steve Toltz, Vatermord und andere Familienvergnügen
Brillant, Rasant, komisch, kosmisch, Lesefutter pur und ein höchst vergnüglicher Ausflug an den Rand des Wahnsinns, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens – das ist Vatermord und andere Familienvergnügen von Steve Toltz, einem der jungen Stars der englischsprachigen Literaturszene. „Die Leiche meines Vaters werden sie nie finden.“ Mit diesen Worten beginnt Jasper Dean die ungeschminkte Wahrheit über seine so eigentümliche Familie preiszugeben. Zeit seines Lebens hat sich Jasper mit der Frage herumgeschlagen, ob er seinen Vater bedauern, ignorieren, ihn verehren oder gar umbringen solle. Vater Martin, ein Moralist ohnegleichen, war Australiens meistgehasster Wohltäter. Und nichts hat ihn mehr verärgert, als der Bruder von Terry Dean zu sein – dem beliebtesten Verbrecher des Landes. Nicht verwunderlich also, dass Jasper unter die Räder des Bruderzwistes kam … Mit unbändiger Fabulierfreude und mit diabolischer Schärfe erzählt Steve Toltz von der abenteuerlichen Odyssee des Helden durch Räuberhöhlen, Stripclubs und Nervenheilanstalten, von den Höhen der ersten Liebe und den Tiefen fehlgeleiteten Ehrgeizes. Steve Toltz wurde in Sydney geboren und lebte in Kanada, Neuseeland, Spanien und den USA. Heute wohnt er in Paris. Er arbeitete u. a. als Privatdetektiv, Kameramann, Telefonverkäufer, Sicherheitsbediensteter, Englischlehrer und widmet sich nun ganz dem Schreiben. Steve Toltz, Vatermord und andere Familienvergnügen, Deutsche Verlags-Anstalt (www.dva.de), aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann, 792 Seiten, 22,95 Euro.
Ernst-Wilhelm Händler, Welt aus Glas
So muss Literatur sein! Darin versinken, alles für möglich halten, alles möglich machen und wenn man weggeht vom Buch, muss man die Wirklichkeit für eine Erfindung halten, weil dieses Buch-Universum doch so viel wirklicher ist! Jillian und Jacob Armacost betreiben die größte Galerie für Glaskunst New Yorks. Dabei sind sie ein denkbar ungleiches Paar: Während Jillian seit einem Kindheitserlebnis eine Passion für die Blütenlampen von Tiffany hat und mit Mitte Zwanzig bereits eine führende Expertin für Glas ist, treibt der fast dreißig Jahre ältere Frauenheld Jacob die Galerie mit einem absurden Kauf um ein Haar in den Ruin. Jillian trifft eine Entscheidung: Sie wird sich von Jacob trennen. Zuvor aber muss sie die Zukunft der Galerie sichern. Eine äußerst wertvolle Sammlung von Glasvasen in Italien erscheint als die letzte Rettung; ohne einen Moment zu zögern, reist sie nach Europa. Jacob, der nichts von ihren Plänen ahnt, ist unterdessen mit einer Kundin aus den besten Kreisen New Yorks an der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze unterwegs, um auf seine Weise wieder an Geld zu kommen. Zur gleichen Zeit, als Jillian in Mailand und Venedig ihren größten Coup landet, wird Jacob in Mexiko entführt. Jillian und Jacob haben ihre Schicksale dem Glas anvertraut. Jillian spekuliert auf die Ewigkeit, Jacob auf ein intensives Jetzt. Durchsichtig und doch unnahbar, lebendig und doch unbewegt ist die Welt aus Glas. Sie bedeutet viel Geld für den, der erkennt, was er sieht. Doch besitzt der einzelne Mensch in einer Welt aus Glas noch eine Seele? Wilde Verfolgungsjagden durch die Straßen von Tijuana und erotische Eskapaden in San Diego und Venedig treiben die Handlung voran. Im neuen großen Roman von Ernst-Wilhelm Händler ergänzen sich ‚action‘ und ‚reflection‘ auf außerordentliche und spannende Weise. Ernst-Wilhelm Händler, Welt aus Glas, Frankfurter Verlagsanstal (www.frankfurter-verlagsanstalt.de), 608 Seiten, Leinen, ISBN 978-3-627-00027-1, 25 Euro.
Reif Larsen, Die Karte meiner Träume
Mit großen Augen liest man dieses Buch: Kind, Abenteurer, Intellektueller und Gläubiger gleichzeitig – begibt sich auf eine Reise, die ganz genau das Ziel ist! T. S. Spivet ist zwölf Jahre alt und ein genialer Kartograph. Denn er weiß genau, dass nichts von Dauer ist. Der Whiskykonsum seines Vaters wird ebenso in Diagrammen festgehalten wie die Anatomie von Glühwürmchen. Inmitten seiner merkwürdigen Familie lebt er auf einer Ranch in einem flachen Tal in Montana. Eines Nachts begibt sich T.S. auf die Reise nach Washington und damit in ein unglaubliches Abenteuer. Reif Larsen ist 28 Jahre alt und lebt in Brooklyn, USA. Er schreibt, macht Dokumentarfilme und unterrichtet an der Columbia University. »Die Karte meiner Träume« ist sein erster Roman, den er noch als Student schrieb, an eine Agentur schickte und der ihn zum Shooting Star der amerikanischen Literaturszene machte. »Die Karte meiner Träume« erscheint gleichzeitig in 30 Ländern. Reif Larsens Debüt ist ein Juwel: Ein mit vielen Karten und wundervollen Zeichnungen versehener Roman über Freundschaft, Kindheit, Schuld und über Zuhausesein. Ergreifend, geheimnisvoll und verspielt, ein wahres Feuerwerk von Gefühlen und Ideen. Reif Larsen, Die Karte meiner Träume, S. Fischer (www.fischerverlage.de), 460 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-10-044811-8, 22,95 Euro.
Klaus Ferentschik, Der Weltmaschinenroman
Dinge gibt, und Menschen, die gibt es gar nicht. Und wenn man dann doch feststellt, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, beispielsweise durch das traumhafte Buch von Klaus Ferentschik, dann öffnen sich Blicke in Weiten und man ist so fasziniert, dass man noch tagelang später entrückt ist. Ein biografischer Roman über die »Weltmaschine« und deren Erbauer Franz Gsellmann. Über das rätselhafte Kunstwerk, ähnlich den Werken Marcel Duchamps und Jean Tinguelys. Eine Maschine, deren einzige Funktion darin besteht, Maschine zu sein, die Maschine spielt. Im Oktober 1958 sieht Franz Gsellmann (1910-1981) in einem Zeitungsartikel über die Weltausstellung die Abbildung des Atomiums. Der Landwirt, der in der Steiermark einen kleinen Hof betreibt, ist davon so fasziniert, dass er mit dem Zug nach Brüssel reist, sich das Atomium ansieht, am selben Abend zurückfährt und heimlich mit dem Bau einer Maschine beginnt, die später als »Weltmaschine« bekannt wird. 1981 montiert er als letztes Teil ein großes, drehbares Fragezeichen, erklärt sein Werk für vollendet und stirbt. Klaus Ferentschik verarbeitet in seinem Roman alle bekannten und unbekannten Fakten über die Weltmaschine und liefert eine literarische Erklärung der Obsession ihres Erbauers. Ein Buch über die Kraft der Träume und ein Plädoyer, ihnen unbeirrt zu folgen. In diesem Jahr feiern das Atomium und die Weltmaschine ihren 50. Geburtstag. Klaus Ferentschik, Der Weltmaschinenroman, Matthes & Seitz Berlin (www.matthes-seitz-berlin.de), mit Illustrationen von Horst Hussel und einer Weltmaschinenpostkarte, 160 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-88221-729-2, 17,80 Euro.
Thomas Pynchon, Gegen den Tag
Kolossal, inspirierend, komisch, von nicht abzusehender Tragweite, geht runter wie Öl, macht lange Nächte kurz, verspricht Leben und mehr – kurzum Thomas Pynchon! “Gegen den Tag umspannt den Zeitraum zwischen der Weltausstellung in Chicago 1893 und den Jahren kurz nach dem Ersten Weltkrieg und führt von den Arbeiterunruhen in Colorado über das New York der Jahrhundertwende, London und Göttingen, Venedig und Wien, den Balkan, Zentralasien, Sibirien zur Zeit des Tunguska-Ereignisses und Mexiko während der Revolution ins Paris der Nachkriegszeit, Hollywood während der Stummfilmära und an ein, zwei Orte, die auf keiner Landkarte zu finden sind. Während sich die weltweite Katastrophe schon am Horizont abzeichnet, beherrschen hemmungslose kapitalistische Gier, falsche Religiosität, tiefe Geistlosigkeit und böse Absichten an hohen Stellen das Bild. Derweil treibt Thomas Pynchon sein Spiel. Figuren unterbrechen ihr Tun, um größtenteils alberne Liedchen zu singen. Seltsame und abseitige Sexualpraktiken werden ausgeübt, obskure Sprachen gesprochen, und das nicht immer idiomatisch richtig. Kontrafaktische Ereignisse finden statt. Vielleicht ist dies nicht die Welt, aber mit ein, zwei kleinen Änderungen könnte sie es sein." T.P. Thomas Pynchon, Gegen den Tag, Rowohlt Verlag (www.rowohlt.de), 1600 Seiten, ISBN 978-3-498-05306-2, 29,90 Euro.
Boomerangs Flug Sabine Arnold erhält BoD AutorenAward
Lesenswert und mit einem ganz eigenen Blick – Preis mehr als berechtigt. Sabine Arnold ist die Gewinnerin des BoD AutorenAward 2008. Die in Australien lebende gebürtige Hessin setzte sich mit ihrem Roman "Boomerangs Flug" gegen rund 100 Bewerber durch und nahm auf der Leipziger Buchmesse den mit 500 Euro dotierten Preis entgegen. Vor vier Jahren tauschte Sabine Arnold Sicherheit gegen das Abenteuer und zog mit Mann und Tochter ins australische Cairns. Kurz nach ihrer Ankunft fand sie endlich die Zeit, den schon lange gehegten Wunsch nach einem eigenen Roman zu verwirklichen. "Ich habe mich stark von der Atmosphäre meiner neuen Heimat inspirieren lassen, ansonsten ist die Geschichte aber rein fiktiv", erzählt die 37-Jährige. Die Jury würdigte besonders die spannende Handlung und das interessante Setting im exotischen Down Under. Der BoD-AutorenAward wurde in diesem Jahr zum siebten Mal verliehen. Die Jury honoriert neben Inhalt, Sprache und Stil auch die Buchgestaltung, das Marketingkonzept sowie den Verkaufserfolg. Zwei Gewinner des BoD AutorenAwards publizieren inzwischen bei Rowohlt beziehungsweise Heyne. Den Vorsitz der Jury hatten Rainer Groothuis, Buchgestalter und Geschäftsführer der bekannten Hamburger Agentur Groothuis, Lohfert, Consorten, Kirsten Landt, Buchhändlerin und Leiterin der deutschlandweit größten Thalia-Filiale in Hamburg sowie Anne Tente, Belletristik-Lektorin beim Heyne Verlag. Sabine Arnold schildert in ihrem Roman, wie eine deutschstämmige Frau und Mutter jäh aus ihrem sicher geglaubten Familienidyll in Australien gerissen und von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Die Protagonistin gerät in einen Strudel schrecklicher Ereignisse, dessen Sog auch den Leser nicht mehr loslässt. Viele tägliche Begebenheiten, die die australische Lebensart und Natur vermitteln, hat Sabine Arnold in den Roman eingeflochten, dessen wechselnde Erzählperspektiven den Leser nah an die Akteure rücken lassen. Das Buch (ISBN 978-3-8334-9278-5) ist für 11,90 Euro überall im Buchhandel erhältlich.
Giwi Margwelaschwili, Officer Pembry
Genial und kultig – muss man gelesen haben! Officer Pembry ist überrumpelt ? in einem rund einhundert Jahre alten Thriller namens »Das Schweigen der Lämmer« soll seine Zukunft eingeschrieben sein. Er soll einem intelligenten Kannibalen namens Hannibal Lecter zum Opfer fallen, wenn dieser aus dem Gefängnis ausbricht. So jedenfalls behauptet es der Beamte Meinleser von der Prospektiven Kriminalpolizei, der alles andere als verrückt zu sein scheint. Pembry muss also, um seinem Schicksal entgehen zu können, zur Lektüre greifen, und das Buch gegen den Strich lesen, um seine Haut zu retten. Giwi Margwelaschwili legt erstmals seit zehn Jahren wieder einen Roman über die «Lese- Lebenswelt« vor, ein intelligentes Spiel mit Lesewirklichkeiten und der Bedeutung von Lektüre für die Leser und die Gelesenen. »Officer Pembry« ist ein spannender SciFi-Krimi und zugleich literarischer Hochgenuss. Giwi Margwelaschwili, Officer Pembry, Verbrecher Verlag (www.verbrecherverlag.de), Roman, 208 Seiten, ISBN 978-3-935843-90-4, 19,90 Euro.
Evelyn Waugh, Befremdliche Völker, seltsame Sitten
Eine mitreißende Studie in Fremdheit – und der Spiegel, in dem man sich selber sieht, ist immer dabei. Intelligentes Lesevergnügen. Als Evelyn Waugh am 10. Oktober 1930 von London aus nach Addis Abeba aufbrach, wusste er nicht recht, was ihn erwarten würde. Durch eine Verkettung verschiedener Umstände war die Krönung eines unbekannten Stammesfürsten im afrikanischen Hinterland zum Politikum geworden. Alle bedeutenden Weltmächte reisten zum schäbigen Dorfspektakel in die unfertige Hauptstadt Äthiopiens – und bauschten das Ereignis gewaltig auf. In Europa klangen die Berichte von der ungeheuerlichen Prachtentfaltung bei der Krönungszeremonie des Königs der Könige wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Waugh dagegen fühlte sich wie ein britischer Gentleman inmitten geschmackloser Barbarei und sah ganz andere Dinge als seine diplomatischen Kollegen – und auch bei seiner Heimreise über Aden, Sansibar, Kenia, Belgisch-Kongo und Südafrika zeigt sich Waugh als Mann totaler Illusionslosigkeit mit staubtrockenem Humor. Sein zeitloser Bericht gehört zu den Juwelen der Reiseschriftstellerei, er wird hier erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Evelyn Waugh, Befremdliche Völker, seltsame Sitten, Eichborn Verlag (www.eichborn.de), Die Andere Bibliothek Band 270, ISBN 3821845899, 27,50 Euro.
Simon Ings, Die unerbittliche Pünktlichkeit des Zufalls
In diesem Roman versinkt man – und bleibt tagelang drin, denn auf einen Zug kann und will man ihn nicht durchlesen. Als der NASA-Astronaut Jim Lovell aus dem All auf die Erde blickt, sieht er einen stillen blauen Planeten, der sich friedlich in der Unendlichkeit dreht. Doch dort unten rast das Leben in wilder Betriebsamkeit und unüberschaubarer Komplexität. Kriege werden geführt, Philosophien debattiert, politische Entscheidungen getroffen, Beziehungen geschlossen und wieder beendet. Hauptakteure in diesem Gewebe aus unterschiedlichen Schicksalen, die vom London des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart reichen, sind das Mathematikgenie Anthony Burden, John Arven, der Herausgeber eines philosophischen Lexikons, der chamäleonartige Trickbetrüger und spätere Menschenhändler Saul Cogan, die Schauspielerin Stacey Chavez und die hochbegabte Kathleen Cogan. Ihre Lebenslinien kreuzen und verbinden sich zu einem Teppich, der immer deutlicher Gestalt annimmt und in dem schließlich die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erkennen ist. Simon Ings, Die unerbittliche Pünktlichkeit des Zufalls, Manhattan (www.randomhouse.de), 544 Seiten, ISBN 978-3-442-54620-6, 21,95 Euro.
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