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Tote Tiere auf den Straßen
Eine Apokalypse
Fortsetzung täglich – außer samstags und an Sonn- und Feiertagen -
in jeweils nicht mehr als 140 Zeichen

16.05.2012

Da brach sofort seine Empörung gegen Autoritäten durch. Prinzipiell war erst einmal Widerspruch angesagt. Selbst wenn alles zum Teufel ging.

Fortsetzung folgt

 

Tote Tiere auf den Straßen
Die ganze Geschichte

Dass es begann, bemerkte niemand. Die Häufung von Meldungen über tote Tiere auf den Fahrbahnen erregte keine besondere Aufmerksamkeit. Lediglich ein Journalist, der wegen Kreuzschmerzen des öfteren nachts um vier wach lag, wunderte sich über diese Verkehrsdurchsagen.
„Vorsicht auf der A44 Dortmund Richtung Kassel: Zwischen Werl-Süd und Soest liegt ein totes Tier auf der Fahrbahn.“ Im Halbschlaf dachte er, seltsam, so eine Meldung habe ich in den letzten Nächten immer wieder gehört, sollte dem mal nachgehen. Später stellte sich heraus, dass diese Meldungen das Ende der Welt, so wie er sie kannte, eingeläutet hatten. Worüber er im Nachhinein glücklich ist. Doch bis dahin war es ein steiniger Weg, der ihm alles abverlangte. Und vom Rest der Welt.

Bei einem Glas „Waldprophet Blutwurz“ (60%) bedachte der Journalist sein Vorgehen in dieser Sache. Sein Handy summte. „Falk, ich hab was!“ „Was?“ „Nicht am Telefon!“ Frank übertrieb mal wieder maßlos. „Wir treffen uns um 3 Uhr im Englischen Garten.“ „In Gottes Namen.“ Sabine würde toben. Sie hatte einen Tisch im Schmock in der Theresienstraße reserviert. Schade drum. Doch Frank ging vor. Trotz seines Verfolgungswahns hatten sich seine Tipps immer als hilfreich erwiesen. Bestimmt hatte er etwas ausgegraben. Tote Tiere hin oder her. Falk lachte. Noch war es ihm nicht vergangen. Im Gegenteil. Er fühlte sich gut. Adrenalin. Die Jagd. Das Leben.

Oberst Wagner fluchte leise. Wieder zu spät. Die Einsatztruppe aus Fürsty in ihren Apache Longbow hatte nur leere Straßen vorgefunden. Fürstys Antennen rotierten. In Bunkern, die es offiziell nicht gab, standen Kampfhubschrauber rund um die Uhr in Alarmbereitschaft. Die Bunker erreichte man durch den 998 Meter langen "Kilometerbau" bei Kilometer 999. Dort war der Eingang, den nur Auserwählte kannten. Wie Leutnant Becker. Er grüßte Oberst Wagner. „Wie immer bisher: Keine Menschenseele, nur tote Tiere.“ „Wir haben nicht mehr viel Zeit!“ Leutnant Becker schauderte. Er meinte noch jetzt den Schutzanzug zu spüren. Klamm und heimlich. „32 waren es diesmal in unserem Gebiet.“

War das möglich? Aiden wollte es nicht glauben. Das Einsteinsche Postulat, dass nichts schneller als das Licht ist, außer Kraft gesetzt? Doch das Ergebnis seiner Versuche am Teilchenforschungszentrum Cern bei Genf schien eindeutig. Ein Grundgesetz der Natur wankte. Er wollte die Sache lieber noch unter Verschluss halten. Doch vergebens. Am nächsten Tag verkündete die angesehene Deutsche-Netzzeitung.de: “Die Mayas wussten es! Forscher setzt Naturgesetze außer Kraft!“ Aiden tobte. Er verdächtigte seinen Assistenten Salman. Alles Politik! Inder und war ihm gegen seinen Willen zugeteilt worden. Hielt den neuen Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider für gefährlich. “Wir spielen Gott!“ Damit meinte er die mögliche Erzeugung schwarzer Löcher. Doch der LHC lief wie geschmiert. Das Ende der Welt? Quatsch. Aber das Ende der Physik, dachte Aiden. Der LHC brachte Entdeckungen, die das gesamte Weltbild verändern konnten. Der Gott in der Maschine!

Falk schaute auf sein Handy. Weit und breit kein Frank. 30 Minuten über die Zeit, keine SMS, keine Email, kein Anruf. Bei Frank nur der AB. Dafür 7 SMS von Sabine. Die achte. Falk war genervt. Frank zu spät und Ärger mit Sabine. Der Tag konnte kaum schlimmer werden. Dachte er. Ein Bagger wie ein urweltliches Tier im Herbstnebel. Falk schauderte. Plötzlich Stille. Bauarbeiter standen aufgeregt um die Grube. Da! Der Englische Garten verwandelt in einen Ort des Grauens. In der Grube lag ein Mensch. Tot, so schien es. Falk schlich näher. Frank! Ein Bauarbeiter fühlte seinen Puls, schüttelte den Kopf. Falk sah Franks Notebook daneben halb unter Laub. Das musste er unbedingt haben. Die Polizei kam. Die Bauarbeiter redeten auf sie ein. Niemand achtete auf die
Leiche. Und auf Falk, der sich das Notebook schnappte. Er konnte es selbst nicht glauben. Was er gerade getan hatte. Dass es geklappt hatte. Dass Frank tot war. Wegen ihm. Dass er da sicher war.

Oberst Wagner schaute Leutnant Becker an. Ein kurzer Augenblick, in dem das Universum still zu stehen schien. Das Licht im Bunker flackerte. Auf der dunklen Seite des Mondes, in einem unbenannten Krater, wirbelte Staub auf. Und senkte sich wieder. Leutnant Beckers Lider zuckten. Das Licht im Bunker flackerte noch einmal und ging dann aus. Das Universum ist ein verrückter Ort, dachte der Leutnant, ehe er durchdrehte. Er zog seine Heckler & Koch P 12 und sagte ruhig: „Wie man es auch dreht und wendet, das ist das Ende!“ The Doors, dachte Oberst Wagner. Er versuchte ihm die Waffe zu entreißen. Zwei Feldwebel kamen ihm zur Hilfe. Doch der Fernspäher-Leutnant war nicht so leicht zu überwältigen. Ein Schuss fiel. In den Augen des Leutnants flackerte ein unirdisches Licht. Er hatte Kräfte für drei und eine Vision, so gewiss wie ... Oberst Wagner hasste sich dafür, was er diesem Mann hatte antun müssen. Aber er würde es wieder tun. Das Ziel heiligte die Mittel. Ein Hund heulte zum Herzerweichen. Ein Hund? Hier im Bunker? Der Leutnant war inzwischen doch überwältigt. Der Hund heulte wieder.

Aiden verstand die Welt nicht mehr. Erst sind seine Neutrinos schneller als das Licht. Dann wird er abgekanzelt wie ein kleines Kind. Und schließlich sein Vater, er ihm vorwirft, er denke nicht an seine Zukunft. Bald werde auch er nichts mehr für ihn tun können. Spielten denn jetzt alle und alles verrückt? Cern distanzierte sich von seinen Ergebnissen. Und der verdammte Inder grinste wie ein Buddha. Seufzend rief er die Resultate der letzten Nacht auf. Zahlenkolonnen tanzten auf dem Bildschirm und verwandelten sich in Unmöglichkeit. Aiden rieb sich die Augen. Die Grafik flimmerte, wurde unscharf. Das Licht flackerte. Beruhigte sich wieder. „Unmöglich!“ Und wenn doch? Es war wieder passiert. Exakt um 4.12 Uhr. Die Neutrinos hatten 60
Nanosekunden weniger als das Licht für die Mess-Strecke gebraucht! Geistesabwesend griff er nach dem Glas mit Leitungswasser. Setzte es mit einem Aufschrei wieder ab. Das Glas war heiß. Das Wasser kochte.

Mit immer noch rasendem Puls saß Falk in seinem Lieblingssessel in seiner Wohnung in der Plinganserstraße. Franks Notebook wartete still. In der Ruhe seiner Wohnung überkamen ihn nun leichte Zweifel. Stand Franks Tod wirklich in irgendeinem Zusammenhang mit seiner Recherche? Sein iPhone brummte. Sabine, durchfuhr es ihn siedend heiß. Erst hatte er das Mittagessen abgesagt, und dann nie geantwortet. Mist! „Hallo, Sabine!“ – „Falk, was ist los? Warum gehst du nicht ans Handy?“ – „Frank ist tot. Lass uns heute Abend reden.“ – „Was? Frank? Wie?“- “Beruhige dich! Ich weiß selbst noch nichts Genaues. Ich gehe jetzt in die Redaktion. Wir sehen uns abends.“ – „Und du? Geht’s dir gut?“ Gute Frage. Die führte zur nächsten: Was geht da vor? Oder war alles nur Einbildung? Verfolgungswahn? Wegen toter Tiere auf der Straße? In der Redaktion tat er entsetzt, als er von Franks Tod erfuhr. Wirklich entsetzt war er, als er hörte, dass ihm das Herz fehlte. Franks
Notebook! Er hatte es zuhause vergessen. Die Sache hatte ihn doch ziemlich mitgenommen. Er fluchte leise. Schnell zurück! Als er seine Wohnungstür aufsperren wollte, ging sie auf wie von Zauberhand. Falk griff nach dem Baseballschläger neben der Tür. Horchte. Vorsichtig schaute er sich in der Diele um. Schübe standen offen, der Inhalt auf dem Boden. Überall. Bücher und Papiere wüst durcheinander. Franks Notebook! Weg. Sein Notebook. Weg. Sein PC – geöffnet und die Festplatte ein Trümmerhaufen. Ein Luftzug. Ein Schlag auf den Kopf. Falk wurde schwarz vor Augen. Er driftete weg, doch nicht ganz. Eine Frauenstimme: „Falk!“ Ein Kreischen. Er dachte: Lauf weg. Schnell!
„Falk! Was ist los!“ Benommen versuchte Falk zu sprechen. „Polizei!“ Hektisch suchte Sabine ihr Handy. Da. War da ein Geräusch? Sabine hatte jetzt die Polizei am Handy. Wie durch Watte drang Lärm in Falks Kopf. „Vorsicht!“ krächzte er. „Da ist niemand“, sagte Sabine. Mühsam stand Falk auf. Der Lärm kam von seinem Schädel, in der Wohnung war niemand mehr. Alle Computer weg. Besonders Franks Notebook. Doch halt! Trotz seiner Kopfschmerzen erschien ein Grinsen in Falks Gesicht. Sabine schaute ihn entgeistert an. „Ich habe Franks USB-Stick!“

Auf den Straßen spitzte sich inzwischen die Lage – unbemerkt von der Masse der Bevölkerung – zu. Geheimhaltung war das Gebot der Stunde. Oberst Wagner stand in fieberhaftem Kontakt mit sämtlichen Krisenstäben der Welt. Die Resultate waren allerdings bisher gleich Null. Über eins herrschte Einigkeit: Operation „Schlafende Hunde“ war die einzige Möglichkeit, wenn nicht gar die letzte, der Lage Herr zu werden. Selbst wenn dafür die Zahl der Probanten erhöht werden musste. Das Überleben rechtfertigte jedes Opfer. Selbst Unschuldige. Trotzdem war Oberst Wagner nicht ganz wohl in seiner Haut. Was mit dem Leutnant passiert war, hatte ihm zu denken gegeben. Wenn er in den Spiegel schaute, betastete er oft zweifelnd sein Gesicht. Was war aus ihm geworden? Der Marsch durch die Institutionen? Von wegen. Die Institutionen hatten ihn mit Haut und Haaren aufgefressen. Aus dem 68er Hippie war ein gefühlloser Armeebürokrat geworden. Er schüttelte den Kopf. So, als müsste er sich besinnen. Dabei summte er. Als er erkannte, was er da summte, musste er lachen. Grimmig. „Sympathy for the Devil“. Passend. Immer noch grimmig lächelnd öffnete er die Tür zum „White Room“. „Achtung!“ – „Bleiben Sie bitte sitzen!“ Der Riesen-
Bildschirm war übersät mit flackernden Lichtern. Die Gesichter des Krisenstabs erschöpft. Einzig Petra Göbl leicht aufgedreht. Alles ausgesuchte Soldaten. Und ausgerechnet die Zivilistin zeigte das größte Stehvermögen. Und wie es schien, hatte sie auch eine Idee.

Mit einem lautem Knall zersplitterte das Glas. Aiden konnte gerade noch dem kochenden Wasser ausweichen, das seinen Schreibtisch herablief. “Fuck!“ Was zur Hölle war das? Was ging hier vor? Er öffnete vorsichtig den Hahn der Wasserleitung. Unglaublich: Wasserdampf. Das Rohr heiß. Eine Uhr tickte rasend schnell, dann überhaupt nicht mehr. Ein Hund bellte wie verrückt. Aiden blickte überhaupt nicht mehr durch. Im Fernseher Karneval. Fernseher? Aiden erstarrte. Karneval? Der Rosenmontagszug aus Köln. Was? Wieso? Es war kurz vor Weihnachten. Was zur Hölle war hier los? Alles verblasste, nur der Fernseher blieb. Dann wurde es heller. Taghell. Ihm schwindelte. Er musste träumen. Rosenmontag und er hatte nichts davon mitgekommen. „Gibt es nicht!“ Die Narren machten sich über ihn lustig. Die Welt spielte verrückt. Das war zwar nichts Neues, aber nicht so. Nicht hier – in seiner Wohnung in München. Verdammt, er hatte einen Blackout. Was ging hier vor? Wie kam er hierher? „Ruhig, Aiden, es gibt für alles eine Erklärung!“ Das war sein Credo, das Glaubensbekenntnis eines Wissenschaftlers. In seiner Hand ein Zettel: „29. Februar 20 Uhr Treffen mit Falk und Wagner.“ Was? Die beiden hatte er seit dem Gymnasium nicht mehr gesehen. Das Telefon läutete. „Franceso Alberti. Ich möchte mit dir über Gott reden, Bruder Adolf!“ Dazwischen eine unverständliche Frauenstimme. “Hä?! Falsch verbunden!“ – „Macht nichts. Dann probier ich’s später noch
mal!“ Mit einem lauten Knall explodierte eine Wasserflasche.

Falk schreckte aus einem Traum auf. Endlose Zahlenfolgen und Frank, der zig Mal sagte: „Denk an die Zeit!“ Was genau ... und schon war’s weg. Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Er hatte einen Kater wie schon lange nicht mehr. Hundeelend ging’s ihm, und das war noch milde ausgedrückt. Das Zimmer drehte sich um ihn. Er wankte ins Bad. Hielt inne. Eben noch hätte er kotzen können, jetzt verspürte er plötzlich Heißhunger. Am Kühlschrank fiel sein Blick auf eine Notiz: „29. Februar 20 Uhr Treffen mit Aiden und Wagner.“ Unwillkürlich schaute er auf den Kalender. Ein Coca Cola-Weihnachtsmann blickte ihn an. Falk blinzelte. Wahnsinn! Er konnte sich gar nicht erinnern, gestern soviel getrunken
zu haben. Er schüttelte sich und versuchte klar zu denken. Der Kalender zeigte den Februar. Wie es sein sollte. Heute war Mittwoch,
22. Februar. 2012. Aschermittwoch. Er konnte sich an nichts erinnern. Faschingsdienstag? Nichts. Rosenmontag? Nichts. Selbst der Sonntag war verschwommen. Sein Kopf brummte. Also gut. Es war Aschermittwoch und er hatte einen Kater. Warum kam ihm das so fremd vor? Der Sprudel schmeckte schal. Hundegebell. Er tappte aus der Küche ins Wohnzimmer. Der Fernseher lief. Eine hübsche Reporterin erzählte etwas über seltsame Hunde. Vorübergehender Gedächtnisverlust. Partielle Amnesie. Er wusste einfach nichts mehr. Doch vielleicht wusste Sabine etwas. Was war passiert? Das iPhone gab keinen Pieps von sich. Nicht aufgeladen. Übers Festnetz bei Sabine nur das Freizeichen. Kein Anrufbeantworter, keine Antwort.

Er war ihr inzwischen näher gekommen, als ihm lieb war. Beruflich lieb. Sie nannte ihn Nils und er nannte sie Petra. Ganz privat natürlich. Oberst Wagner kannte sich selbst nicht wieder. Ein Fenster wurde klirrend geöffnet. Frauen riefen ihn mit leisen, zischenden Tönen. Er hörte eine Stimme. Sie sagte etwas, aber er verstand es nicht. Er lief fiebrig durch die Kaserne. Die Kommandozentrale. Sein Herz pochte. Er hatte ein nie empfundenes Gefühl der Unsicherheit, ja, des Grauens abschütteln müssen, ehe er ruhig genug war, den Befehl zu erteilen. Die Doors sangen in seinem Kopf. This is the end, my only friend, the end of our elaborate plans. Er betrat den „White Room“. Schweigen. Lämmer auf der Schlachtbank starrten ihn an. Denn sie wissen nicht, was zu tun. Oder doch „was sie tun“? Die ratlose Stille war greifbar. Hinter ihm betrat Petra Göbl mit einem entschuldigendem Lächeln die Kommandozentrale. White Room. Lange hatte er nicht mehr an sie gedacht. Aiden und Falk. White Room, dem neuen Album der Cream hatten sie alle entgegen gefiebert. Falk behauptete, er habe es. Er hatte es nicht. Als er es ausleihen wollte, um es aufzunehmen, hatte Falk 1000 Ausreden gefunden. Falk, der Lügner. Falk, der Angeber. Falk, der Freund. Falk, der Journalist. Er hatte ihn nicht aus den Augen verloren. Auch Aiden nicht. Auch wenn er sie nie mehr gesehen hatte. Seit damals. 29. Februar 20 Uhr Treffen mit Aiden und Falk. Er konnte sich nicht erinnern, diesen Termin vereinbart zu haben. Doch er würde kommen. Sie alle würden kommen. Das wusste er. Eine Schuld musste beglichen werden. Auch er wollte so gar nicht, aber da führte kein
Weg vorbei.

Als wir Götter waren! Aiden ging ins Badezimmer, erfrischte sich mit kaltem Wasser und setzte sich auf einen Stuhl. Nur keine Panik! Falk ging ihm durch den Kopf. Falk, der damals Stein und Bein schwor, er habe das neue Pink Floyd Album „A Saucerful of Secrets“. Genauso wie mit „Wheels of Fire“ von Cream. Große Worte, leere Versprechungen. Trotzdem konnte man sich in höchster Not auf ihn verlassen. Das hatte sich damals gezeigt, als niemand sonst etwas unternehmen wollte. Sich zu unternehmen traute. Als sie die Augen zumachten. Und sie bis heute nicht mehr geöffnet hatten. Falk hatte es wenigstens versucht. Doch weil sie ihm nicht trauten, waren sie gescheitert. Ein Vertrauen, dass er leichtfertig verspielt hatte. Und nie mehr zurück gewonnen hatte. Waren Sie zu streng gewesen? Schnee von gestern. Die guten alten Zeiten, als sie zusammen auf der Oberrealschule in Fürstenfeldbruck waren. Unzertrennlich. Die Fantastischen Vier. Aiden hielt inne. Bewegungslos. Sein Blick in weite, unbestimmte Ferne gerichtet. Ein Hund bellte. Er schauderte, war wieder da. „Schwirren und Flattern und das schwache, entfernte Bellen eines riesigen Hundes“ ... Howard Phillips Lovecraft - Stadt ohne Namen. Salut les copains! Aiden wusste nicht, ob er sich auf das Wiedersehen mit den Freunden freuen sollte. Die Zeit heilte angeblich alle Wunden. Über München tobte ein Gewitter, das Wolkenfäuste zum Harras ausstreckte und pulsierende Funken bis zu seiner Wohnung hinunterschickte. 9 times the colour red explodes like heated blood. The battle is on … The Zodiac Cosmic Sounds, Aries (Must be played in the Dark). Die Erinnerung überwältigte ihn. Heute hatte Falk Geburtstag. Wurde er jetzt sentimental? Er brauchte eilig frische Luft, trotz der Blitze.

Fette Regentropfen schlugen ans Fenster, als Falk am Morgen seines Geburtstags aufwachte. Nur alle vier Jahre – und dann mieses Wetter! 10 Uhr – schaler Geschmack im Mund. Niemand da, der gratulierte. Im Radio etwas von einer Fliegerbombe. 29. Februar. Scheiß-Tag. War da nicht noch was? Außer das sein Leben in Sinnlosigkeit versickerte.
20 Uhr? O Gott. Treffen mit Aiden und Nils. Die konnten ihn mal. Und überhaupt, wo? Davon war nichts auf dem Zettel gestanden. Die Räumung der Plinganserstraße beginnt um 10 Uhr, tönte es aus dem Radio. Welche Räumung? Falk stellte das Radio lauter, riss die Fenster auf. Exodus, wohin er schaute. Polizisten, Soldaten und ratlose Nachbarn. Es läutete. Zwei vermummte Außerirdische. „Bitte verlassen Sie das Sperrgebiet!“ Doch Soldaten, in Schutzanzügen. Da könnte ja jeder kommen! Da brach sofort seine Empörung gegen Autoritäten durch. Prinzipiell war erst einmal Widerspruch angesagt. Selbst wenn alles zum Teufel ging.